Wie viele Wörter sollte ein 2-jähriges mehrsprachiges Kind beherrschen?

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Das Vorurteil, dass mehrsprachige Kinder später sprechen oder ihren Wortschatz langsamer entwickeln, hält sich in unserer Gesellschaft sehr hartnäckig. Aber stimmt das überhaupt? Was sagt die Wissenschaft denn? Wie viele Wörter sollte also ein bilinguales Kind mit 24 Monaten benutzen? Die einfache Antwort: Genau so viele wie ein monolinguales Kind.

Wie lernen Babys Wörter eigentlich?

Die Forschung zeigt es wieder und wieder: zweisprachige Kinder erlernen ihre Sprachen im gleichen Tempo wie einsprachige. Sie erreichen die gleichen Meilensteine etwa im gleichen Alter. Wie einsprachige Babys gehen sie systematisch und unbewusst vor, um alles, was sie jeden Tag um sich herum hören, zu segmentieren und nach Informationen zu filtern. So erschließen sie sich, wo Worte anfangen und welche Lautkombinationen es in ihren Sprachen gibt. Darüber habe ich ja an dieser Stelle schon ausführlicher geschrieben.

Mehrsprachige Kinder durchlaufen auch die gleichen Stadien des Lallens und Imitierens, werden grob um den ersten Geburtstag ihr erstes Wort sagen und ihr aktives Vokabular dann weiter ausbauen, bevor sie Wörter kombinieren und sich dem Satzbau und der Grammatik widmen. Während die meisten Kinder ihre Sprachen bis zum vierten Geburtstag weitestgehend erworben haben, gilt der Spracherwerb erst dann wirklich abgeschlossen, wenn sie auch erzählerische Kompetenzen erworben haben, eine Fähigkeit die erst im Schulalter perfektioniert wird. In unseren Kulturkreisen zählen außerdem auch die Schreib- und Lesefähigkeit zu einer vollumfänglichen Sprachkompetenz.

Wie viele Wörter kann beherrscht ein 2-jähriges Kind

Der 2-Jahres-Meilenstein

Einer dieser häufig genannten Meilensteine im Spracherwerb des Kindes betrifft den Zeitraum um den zweiten Geburtstag: Mit 24 Monaten sollte jedes Kind aktiv zumindest 50 Wörter benutzen. Bei mehrsprachigen Kindern muss man da aber genau hinschauen.

„Dein bilinguales Kind muss also nicht 50 Wörter in jeder seiner Sprachen verwenden, sondern insgesamt.“

Wichtig ist nämlich, dass diese Wörter sprachenübergreifend gezählt werden. Dein bilinguales Kind muss also nicht 50 Wörter in jeder seiner Sprachen verwenden, sondern insgesamt. Wie bei einsprachigen Kindern ist der Spracherwerb sehr stark abhängig von Qualität und Quantität des Inputs. Teilt sich dieser auf zwei (oder mehr) Sprachen auf, dann wird das Kind sich zumindest anfänglich höchstwahrscheinlich von monolingualen Kindern in der Sprachkompetenz in dieser einen Sprache unterscheiden. (Muss übrigens nicht sein. Bei einem meiner Kinder traf das quasi nicht zu, da sie in beiden Sprachen sehr früh sehr viel gesprochen hat. Einen Einblick in die Sprachentwicklung meiner Kinder habe übrigens hier mal gegeben.)

Was ist ein Wort?

Wie zählt man denn aber diese Wörter eigentlich? Ein Wort ist für diese Sprachstandserhebung alles, was eine ganz bestimmte Abfolge von Lauten hat und konsequent zur Bezeichnung einer bestimmten Sache verwendet wird. Viele dieser Wörter werden noch nicht exakt so klingen, wie wenn du sie aussprichst, aber wann auch immer dein Kind sie sagt, dann klingen sie überwiegend gleich.

So zählt „ba“ problemlos als Ball oder „wuff“ beispielsweise für Hund, auch wenn es kein Wort der Standardsprache ist. Zählt man all diese Bezeichnungen zusammen, die Kinder für die Dinge, Personen und Tätigkeiten in ihrem Umfeld benutzen, kommt man schneller auf 50 als man zuvor vielleicht annahm.

Es ist auch gar nicht problematisch, wenn in dieser Zählung beim mehrsprachigen Kleinkind eine Sprache dominiert. Dies kann zum einen wieder schlicht am Input liegen – hört das Kind sowohl im Kindergarten als auch daheim Deutsch und nur von Papa Englisch, werden die deutschen Bezeichnungen sehr wahrscheinlich schneller gelernt. Es ist aber auch gut möglich, dass sich Wörter vorerst durchsetzen, die für das Kind schlichtweg einfacher sind. Kinder wissen ihre Ressourcen clever einzuteilen. So kann sich in einer deutsch-englischen Familie zum Beispiel für lange Zeit die Bezeichnung „bib“ durchsetzen, auch wenn es insgesamt vielleicht weniger benutzt wird als das deutsche Pendant „Lätzchen“.

Sprachen mischen ist völlig normal

In diesem Alter wird dein zweisprachiges Kind seine Sprachen auch ganz viel mischen, um so viel wie möglich sagen zu können. In allererster Linie möchte das Kind kommunizieren! Dafür nutzt es alle Möglichkeiten, die es hat. Und seine Sprachen zu kombinieren und zu ergänzen bringt so viele neue Möglichkeiten. Dies ist absolut normal und keinesfalls besorgniserregend oder Anzeichen eines Defizits. Denn während die Sprachen bereits separat im Gehirn angelegt sind, ist das Bewusstsein darüber, mehr als eine Sprache zu sprechen, noch nicht vorhanden. Dieses metasprachliche Bewusstsein, das es deinem Kind zum Beispiel erlaubt, in die andere Sprache zu übersetzen oder abstrakt zu erkennen, wer wann und in welchem Kontext was sagt, erlangen die meisten mehrsprachigen Kinder erst irgendwann zwischen 2 und 4 Jahren.

Sind alle Kinder wirklich gleich?

Bei diesen Altersangaben und Zahlen wie dem Wortschatzumfang handelt es sich in der Regel um Durchschnittswerte. In einer super spannenden Studie mit 333 deutschsprachigen Kindern fand die Wissenschaftlerin Gisela Szagun*, dass Zweijährige durchschnittlich 214 Wörter verwenden. Dieser Wert ergibt sich aber aus einer Spanne von 46 (!) bis hin zu 458 (!!!) Wörtern. Das ist ein enorm breites Spektrum!

Anhand umfangreicher Daten lässt sich erkennen, dass die meisten Kinder eine so genannte Wortschatzexplosion durchlaufen, wenn sie erst einmal die ersten 50 Wörter gemeistert haben. Ab diesem Meilenstein werden neue Einträge im Lexikon mit größerer Leichtigkeit angelegt und das Kind beginnt in der Regel, Worte zu kombinieren. Genau so, wie die Spannbreite typischer Entwicklung bei einsprachigen Kindern sehr groß sein kann, ist dies auch bei zweisprachigen Kindern der Fall.

Vertrau und hab Spaß!

Der Erwerb zweier Sprachen ist also keine exakte Verdopplung des einsprachigen Erwerbs. Genauso wenig ist er doppelt so schwer ist oder doppelt so lange dauert. Vertrau deinem Kind und such dir die nötige Unterstützung in deinem Umfeld, um diese spannende Zeit mit deinem Kind ohne Druck und ohne Stress zu erleben.

*Szagun, Gisela. 2007. Langsam gleich gestört? Variabilität und Normalität im frühen Spracherwerb. Forum Logopädie 3:20–25. Hier zu finden.

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